Gewinnung ätherischer Öle: alle Verfahren einfach erklärt
Hast du dich schon einmal gefragt, wie aus Lavendelblüten oder Zitronenschalen diese intensiven, konzentrierten Öle werden, die wir aus den kleinen dunklen Fläschchen kennen? Die Antwort zur Gewinnung ätherischer Öle ist erstaunlich vielschichtig. Je nach Pflanze, Pflanzenanteil und gewünschtem Ergebnis kommen ganz unterschiedliche Verfahren zum Einsatz und genau das erklärt auch, warum manche Öle ein Vermögen kosten und andere erschwinglich bleiben.
Hier bekommst du einen Überblick über alle wichtigen Herstellungsverfahren verständlich erklärt, ohne Chemie-Studium.
Wasserdampfdestillation ist das klassische Verfahren
Die weitaus häufigste Methode ist die Wasserdampfdestillation. Das Prinzip ist bestechend einfach: Das Pflanzenmaterial kommt in einen großen Kessel, heißer Wasserdampf wird hindurchgeleitet und löst dabei die flüchtigen Duftstoffe heraus. Im anschließenden Kühler kondensiert alles wieder, und am Ende trennen sich Öl und Wasser voneinander. Das ätherische Öl schwimmt oben, das duftende Wasser darunter. Dieses Nebenprodukt kennt man als Hydrolat.
Dieses Verfahren eignet sich für die meisten Kräuter und Pflanzen: Lavendel, Rosmarin, Pfefferminze, Thymian oder Eukalyptus werden fast alle auf diese Weise gewonnen. Es ist schonend, liefert sehr reine Öle und hat sich seit Jahrhunderten bewährt.
Gut zu wissen: Das Hydrolat, das bei der Destillation entsteht, ist kein Abfallprodukt es ist ein wertvolles Nebenprodukt mit eigenen Anwendungsmöglichkeiten, zum Beispiel als sanftes Gesichtswasser. Hydrolate
Kaltpressung ist das Verfahren für Zitrusöle
Wer schon einmal eine Zitrone in der Hand hatte und dabei einen intensiven Duft wahrgenommen hat, kennt das Prinzip intuitiv. Zitrusöle sitzen in kleinen Säcken in der Schale der Frucht und lassen sich ganz ohne Hitze gewinnen, einfach durch mechanisches Pressen. Das nennt sich Kaltpressung.
Der Vorteil liegt auf der Hand: Hitze würde die frischen, spritzigen Aromen zerstören. Durch das Pressen bleiben sie vollständig erhalten. Alle bekannten Zitrusöle also Zitrone, Grapefruit, Bergamotte, Orange, Limette, werden so gewonnen.
Gut zu wissen: Kaltgepresste Zitrusöle machen die Haut lichtempfindlich. Wer sie als Körperpflege nutzt, sollte danach die Sonne meiden oder zu einem bergaptenfreien Öl greifen. Zitrusöle
CO2-Extraktion ist die moderne Premiummethode zur Gewinnung ätherischer Öle
Die CO2-Extraktion ist die jüngste und technisch aufwendigste Methode. Dabei wird Kohlendioxid unter hohem Druck in einen flussigen Zustand versetzt und wirkt dann als Lösungsmittel. Es löst die Duftstoffe aus der Pflanze heraus und zwar vollständig, ohne Hitze und ohne chemische Rückstände. Sobald der Druck nachlässt, verdampft das CO2 einfach und hinterlässt ein besonders reines, vollständiges Öl.
Besonders für empfindliche oder komplexe Pflanzen wie Vanille, Kamille oder Kardamom ist dieses Verfahren ideal. Die Öle riechen oft erstaunlich nah an der frischen Pflanze, das ist ein Qualitätsmerkmal, das man wirklich merkt.
Lösungsmittelextraktion für zarte Blüten
Rose, Jasmin oder Tuberose sind sehr empfindliche Blüten. Sie sind so empfindlich, dass sie eine Destillation nicht unbeschadet überstehen. Für sie gibt es die Lösungsmittelextraktion: Ein chemisches Lösungsmittel entzieht den Blüten ihre Duftstoffe, wird anschließend wieder entfernt und hinterlässt ein sogenanntes Absolue. Es ist sehr intensiv, hochkonzentriert und kostbar.
Streng genommen handelt es sich bei einem Absolue nicht um ein ätherisches Öl im klassischen Sinn. In der Aromatherapie wird es dennoch eingesetzt, allerdings sehr sparsam und mit Bedacht.
Enfleurage ist ein Stück Parfümgeschichte in der Gewinnung ätherischer Öle
Die Enfleurage zur Gewinnung ätherischer Öle ist heute kaum noch in Gebrauch, aber sie verdient Erwähnung, schon allein weil sie so faszinierend ist. Blüten werden dabei in ein neutrales Fett geschichtet, das ihren Duft langsam aufnimmt. Nach mehreren Tagen werden die erschöpften Blüten durch frische ersetzt, bis das Fett vollständig mit Duft gesättigt ist. Am Ende wird der Duftstoff aus dem Fett herausgelöst.
Es ist ein aufwendiges, handwerkliches Verfahren, das heute fast nur noch in der Luxusparfümerie eine Rolle spielt. Als Technik hat es Jahrhunderte überdauert und gibt einen schönen Einblick darin, wie viel Hingabe in der Welt der Düfte steckt.
Warum manche Öle so teuer sind
Ein einziges Liter Rosenöl erfordert mehrere Tonnen Rosenblüten und zwar von Hand gepflückt, oft noch vor Sonnenaufgang, weil die Duftstoffe sich sonst verflüchtigen. Das macht den Preis verständlich. Dazu kommen komplexe Verfahren wie die CO2-Extraktion, die technisch anspruchsvoll und teuer sind. Der Preis eines ätherischen Öls spiegelt immer den Aufwand dahinter. Also Pflanzenmenge, Ernteart, Verfahren und Seltenheit ergeben den Preis den wir bezahlen.
Bio-Qualität und warum sie bei ätherischen Ölen besonders wichtig ist
Ätherische Öle sind Konzentrate. Was in der Pflanze steckt, steckt am Ende konzentriert im Öl und das gilt leider auch für Pestizide und andere Rückstände. Deshalb ist Bio bei ätherischen Ölen keine Lifestyle-Entscheidung, sondern eine Frage der Reinheit und Sicherheit. Bio-zertifizierte Öle enthalten keine synthetischen Zusätze, keine Pestizidkonzentrationen und liefern in der Regel eine bessere, klarere Wirkung.
Lagerung: Warum dunkle Glasflaschen kein Zufall sind
Ätherische Öle reagieren empfindlich auf Licht, Wärme und Sauerstoff. Dunkel, kühl und gut verschlossen gelagert halten die meisten Öle zwei bis drei Jahre, Zitrusöle eher ein bis zwei. Das blaue oder braune Fläschchen ist also kein Design sondern es schützt das Öl vor Oxidation und erhält Duft und Wirkung langfristig.
Womit du am besten anfängst
Wer neu in die Welt der ätherischen Öle einsteigen will, braucht nicht gleich eine riesige Sammlung. Vier Öle reichen für den Anfang aus und decken viele Alltagssituationen ab: Lavendel beruhigt und hilft beim Schlafen, Pfefferminze belebt und hilft bei Kopfschmerzen, Teebaum wirkt antibakteriell und ist ein verlässlicher Haushaltshelfer, Zitrone reinigt, erfrischt und hebt die Stimmung. Mehr zu jedem einzelnen Öl findest du in den Pflanzenportraits hier auf dem Blog. Lavendelöl, Pfefferminzöl, Teebaumöl, Zitronenöl
Gut zu wissen: Ätherische Öle sind konzentriert und kräftig. Deshalb nie unverdünnt auf die Haut auftragen also immer mit einem Trägeröl mischen. Trägeröle
Bei Babys, Schwangeren und Tieren bitte besondere Vorsicht walten lassen.
